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Mission Possible – die Phagen greifen an
Autor: Beat Glogger

«Könnt ihr nicht aufpassen? Ihr Idioten!», brüllte Capsid ausser sich vor Wut nach unten. Er schnaubte, um dann seinem Ärger auf eine Art und Weise Luft zu machen, welche die Jungs im Maschinenraum so schnell nicht vergessen sollten. Doch noch bevor der Captain seine nächste Salve an gepfefferten Raumfahrer-Flüchen abfeuern konnte, wurde er hart zur Seite geworfen. Wie schon mehrere Male zuvor. Es war nicht zu fassen! Abermals war die Sonde genau in jenem Moment von einer gewaltigen Strömung erfasst worden, in dem die Mannschaft versucht hatte, ans feindliche Objekt anzudocken. Die Wucht hatte den Enterhaken, der schon gesetzt gewesen war, vom Zielobjekt losgerissen. Und nun trieb der Phage wieder ohne Beute durch das Universum. So etwas hatte Captain Capsid noch nie erlebt. Und er war nun wirklich ein erfahrener Pilot, der schon manche Mission sicher ins Ziel gebracht hatte. Doch diesmal war irgendetwas anders. Zwar gab es feindliche Objekte in Massen, aber es wimmelte rundherum auch nur so von Phagen, die sich alle um die scheinbar leichte Beute stritten. Diese Konkurrenz alleine hätte Capsid nicht aus der Ruhe gebracht: immerhin befehligte er eine Sonde des Typs A511, den weitaus effizientesten Jäger. A511 war spezialisiert auf Angriffe gegen so genannte Listerien, die selbst auch gefährliche Killer waren und in insgesamt 6 verschiedenen Typen und unzähligen Stämmen ihr Unwesen trieben. Aber unabhängige Tests hatten gezeigt: A511 war für 95 Prozent der anvisierten Ziele tödlich. «Wenn man uns nur ans Ziel rankommen liesse», stiess Capsid hervor, während er sich wieder aufrappelte. «Der reinste Schüttelbecher ist das hier.» Er konnte sich nicht erklären, woher diese unglaublich starken Strömungen herrührten, die den der Phage immer wieder erfassten. Deswegen aber aufgeben? Niemals! Schliesslich war dies eine besondere Mission. Capsid hatte streng geheimes Gepäck an Bord. Capsid riss sich zusammen und rief dann mit strenger Commander-Stimme nach unten: «Das Ganze nochmals von vorne, Jungs. Und ganz konzentriert. Sind neue Ziele in Sicht?»
«Yes, Captain», meldete eine monotone Stimme, "backbord voraus.»
«Typ?»
«Listeria monocytogenes
Capsid frohlockte. Monocytogenes war der gefährlichste aller Gegner, die Erfüllung dieser Mission versprach also Ruhm. «Identifikation?»
«Rhamnose positiv.»
«Perfekt», rief Capsid. Rhamnose positiv bedeutete, dass die Jungs bereits wieder Andockstellen gefunden hatten. Sie waren dafür ja auch bestens ausgerüstet. An den Spitzen ihrer Enterhaken sassen feinste Sensoren, die zu spezifischen Molekülen an der Oberfläche der Listerien passten wie ein Schlüssel in sein Schloss. Verwechslung war ausgeschlossen.
«Ran an das Ding», rief Capsid erregt. «volle Kraft voraus!»
«Das darf doch nicht wahr sein», stöhnte Spike One unten im Maschinenraum. «Der Commander macht auf Grössenwahn», fügte Spike Two bei. «Womit, bitteschön», fuhr Spike Three fort, «womit sollen wir denn Schub geben?» Spike Four, Five und Six sagten nichts, aber sie schüttelten simultan mit ihren Brüdern verständnislos den Kopf. Die Spikes waren immer einer Meinung und sie glichen sich wie ein Ei dem andern - wie es sich eben gehört für Klone. Die Spikes befanden sich am entgegengesetzten Ende des Phagen, von Captain Capsid durch einen langen, röhrenförmigen Schaft getrennt. Die Brüder sassen zu einem gleichmässigen Sechseck angeordnet an der so genannten Basisplatte des Phagen. Dort streckten sie ihre langen Andockfüsse in den Raum, darauf aus, einen Gegner mit ihren Molekularsensoren zu identifizieren und sich dann in seiner Oberfläche einzukrallen. Das war ihr Job, und nichts anderes. «An Capsid von Spike», rief Spike Four mit monotoner Klonstimme.
«Spike von Capsid melden», kam die Antwort, «wann geben Sie endlich Schub?»
«Sir, ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie mit A511 wohl eine der raffiniertesten Maschinen befehligen, aber wir sind ein Killer-Phage und kein Reiseunternehmen.»
«Mr. Spike!», kam postwendend die Antwort, «melden Sie sich gefälligst korrekt an.» Capsids Tonfall liess keinen Zweifel offen, was er davon hielt, dass einer der Spikes ihm widersprach.
«Spike Four, Sir.»
«OK, Spike Four. Jetzt hören Sie und Ihre Brüder mal genau zu. Ich bin es, der für die Weitergabe von Information zuständig ist. Und ich bin es, der dank erfolgreichem Abschluss diverser, von mir geleiteter Missionen den Weg in andere Organismen gefunden hat. Und ich kann Ihnen versichern, bei diesen Expeditionen habe ich gesehen, wozu die Natur fähig ist. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich fortzubewegen: ob mit Geiseln, Wimpern, amöboid kriechend... Lassen Sie sich gefälligst etwas einfallen, und entern Sie diese verdammte Listerie!»
Spike Four liess sich nicht aus seiner emotionslosen Ruhe bringen und leierte klonig monoton zurück. «Sir, nicht dass uns die gängigen Fortbewegungsarten des Mikrokosmos unbekannt wären. Aber als Phage verfügen wir über keinerlei eigene Energie. Wir sind auf die unserer Opfer angewiesen.» Spike Four realisierte, dass er sich mit seinem weiteren Widerspruch gefährlich nahe an jenem Verhalten befand, welches das Dienstreglement als Insubordination bezeichnete; bei den alten Seefahrern hätte man wohl von Meuterei gesprochen. Aber einer musste dem Captain ja die Wahrheit sagen, auch wenn er einer der erfahrensten und ältesten Piloten in diesem Universum war. Capsid hatte sich nach erfolgreichen Entermanövern schon in unzählige feindliche Objekte eingeschlichen und dabei die Phagen-Baupläne reingeschmuggelt. Es war ihm auch überall gelungen, die gesamte Synthesemaschinerie der Gegner in seine Gewalt zu bringen, und sie zu zwingen, nach seinen Plänen Raumsonden zu produzieren. Und wenn sich die gegnerischen Syntheseapparate jeweils zu Tode geschuftet hatten, war Capsid – ein Leichenfeld hinter sich lassend – mit einer dieser neuen Sonden zur nächsten Mission aufgebrochen. Ein rastloser Pirat. Und ein trickreicher Haudegen obendrein. Capsid, von dem niemand den Vornamen kannte – er signierte immer nur mit den Initialen D.N.A. – hatte es bei seinen Expeditionen auch immer wieder verstanden, die Phagen-Baupläne auf evolutionäre Weise den äusseren Umständen anzupassen. So war seine Sonde im Laufe der Zeit zu einem immer raffnierteren Killer geworden. Aber eine eigene Energieversorgung hatte auch er nie entwickeln können.
«Spikes, mir ist vollkommen egal, wie ihr eure Enterhaken da rein kriegt», brüllte Capsid wieder aus der Kommandozentrale. «Tut endlich etwas!» In seiner Stimme schwang jetzt deutlich Hysterie mit.
In diesem Moment brüllte einer: «Haken gesetzt!»
«Wurde auch Zeit. Und nun lassen wir uns nicht noch einmal abschütteln.»
«Der hat gut reden», knurrte Spike One. «Sitzt da oben in seiner ikosaedrischen Proteinkapsel und wartet, bis wir die Drecksarbeit getan haben.» Er warf einen Blick zu seinem Bruder hinüber, der mit letzter Kraft die Listerie, die immerhin etwa 50 Mal grösser als ihr Phage an seinem Enterhaken festhielt. Plötzlich wurde der Phage wieder von einer Strömung zur Seite gedrückt, so dass Spike One in die Nähe des Feindes kam. Sein Sensor meldete Rhamnose positiv, Spike One reagierte blitzschnell und rammte seinen Haken in die Oberfläche des Gegners,«Na also!», jubelte der Captain, «ich wusste, dass ihr das schafft.»
Alle sechs Spikes nickten siegessicher. Wenn zwei Haken schon mal gesetzt waren, würden die nächsten nun leichter gehen, auch wenn die Listerie wie wild mit ihren Antriebsflagellen um sich schlug. «Haken vier gesetzt», meldete Spike Four.
«Jungs, wir werden in die Geschichte eingehen», frohlockte Capsid. «Ich verrate euch jetzt nämlich ein Geheimnis: wir sind im Dienste der Wissenschaft unterwegs. Top secret. Wir haben wahres Teufelszeug an Bord: Baupläne für Luziferase. Ich weiss zwar nicht, wofür das Zeug gut ist. Aber wenn ich das Ding in den Gegner rein bringe, ist uns das ewige Leben sicher. Der Forscher, der uns das Ding mitgegeben hat, will uns bei Erfolg in Reinkultur vermehren. Darum stehen wir auch unter Dauerbeobachtung ihrer Bodenstation. Also weiter so!»
«Haken gesetzt!», schrieen in diesem Augenblick alle Spikes zusammen und gleichzeitig ging ein gewaltiges Rumpeln durch den Phagen. Aber diesmal war es nicht eine jener heimtückische Strömung, diesen Rumpler kannte Capsid – und er versprach Erfolg. Was dann folgte, geschah in Bruchteilen einer Sekunde. In dem Moment, wo alle sechs Spikes Kontakt mit dem Gegner hatten, war ein raffinierter biochemischer Prozess gestartet worden. Die langen Andockfüsse der Spikes wurden zusammengeklappt und verkürzten sich blitzschnell. Der einzige Moment im Leben des Phagen übrigens, wo er so etwas wie Energie frei setzen konnte. Durch die Verkürzung der Füsse sauste der röhrenförmige Mittelteil des Phagen nach unten. Mit seiner messerscharfen Spitze durchdrang er die Oberfläche des Gegners mühelos wie eine Injektionsnadel.
Noch bevor die Listerie ihre Pumpen hatte abstellen können, welche das Raumschiff mit allen nötigen Stoffen aus der Umwelt versorgten, hatten diese begonnen, Captain D.N.A. aus seiner Kommandozentrale herunterzusaugen. Was diesem nur recht war, denn er verfügte, wie gesagt, über keine eigene Energie, die ihm eine Fortbewegung ermöglicht hätte. So glitt er aus seiner Kapsel, rutschte den Verbindungsschaft hinunter, kam an der Basisplatte bei den Spike-Brüdern vorbei, die er leider zurücklassen musste, und liess sich dann in das Innere der Listerie spülen.

Zufrieden beobachtet Professor Martin Loessner im Luminometer, wie in der Probe ein grünblaues Licht aufleuchtet. Es ist das Signal, das ihm aus dem Universum der Mikrobiologie, meldet, dass die Phagen ihre Mission erfüllt hatten. Das Leuchten bedeutet, dass in der Probe Listerien vorhanden sind. Listerien, die sich auf einem Stück Rauchlachs vermehrt hatten, das Loessner am frühen Morgen auf dem Markt eingekauft hatte – zu rein wissenschaftlichen Zwecken wohlverstanden. Nie würde der ETH-Wissenschaftler Rauchlachs essen, denn dieser gehört zu jenen Lebensmitteln, die am häufigsten mit gefährlichen Listerien verseucht sind. Auch ungekochte Meeresfrüchte, gewisse Frischkäse oder vorgewaschener Salat stehen nie auf Loessners Speisezettel. Nicht dass er persönlich fürchtete, gleich daran zu sterben. Aber für Personen mit geschwächtem Immunsystem kann eine Infektion mit Listerien tödlich sein.Nach dem Besuch auf dem Markt hat der Lebensmittelforscher den Fisch im Labor homogenisiert und dann mit genau 300 Millionen Phagen des Typs A511 beimpft. Diese Phagen sind von Natur aus nur für Listerien infektiös. Loessner hatte ihnen gentechnisch ein so genanntes Luziferase-Gen ins Erbgut eingebaut. Dieses zusätzliche Gen hatten die Phagen nun zusammen mit ihrer eigenen DNA in die Listerien injiziert. Und wie üblich, wenn Bakterien durch Phagen infiziert werden, hatten die Listerien sofort begonnen, das genetische Programm der Phagen auszuführen und produzierten dabei auch die Luziferase. Dieses Enzym setzte eine chemische Leuchtreaktion in Gang.
Das Leuchten ist im Luminometer, einem speziellen Messgerät, deutlich zu sehen. Der Forscher ist zufrieden. Mit diesem Experiment kann er zeigen, dass es möglich ist, mit gentechnisch veränderten Phagen frühzeitig Listerienverseuchungen in Lebensmitteln zu entdecken. Der Test funktioniert und liefert sein Resultat innerhalb von Stunden. Im Gegensatz dazu wartet man bei den herkömmlichen Nachweismethoden Tage. Unter Umständen ist bis dann ein verseuchtes Lebensmittel schon gegessen oder in einem Zolllager verdorben. Trotz der Überlegenheit von Loessners Test hat die Lebensmittelindustrie wenig Interesse daran. Obschon die genetisch veränderten Phagen nie mit dem zum Verzehr bestimmten Teilen des Produkts in Kontakt kommen können und auch sonst keine Gefährdung darstellen, haben die Hersteller Angst, dass durch die neue Testmethode den untersuchten Lebensmitteln der Stempel «Gentech» aufgedrückt wird. Und dass das dem Produkt möglicherweise mehr schadet als das Risiko von gelegentlichen Todesfällen durch Listerien. Loessner seufzt, als er noch einmal ins Luminometer sieht: «Es gibt noch viel zu tun.»

Beat Glogger hat in Zürich Mikrobiologie studiert und sich zum Journalisten ausbilden lassen. Nach 14 Jahren beim Wissenschaftsmagazin MTW am Schweizer Fernsehen machte er sich selbständig und betreibt heute eine Agentur für Wissenschaftskommunikation scitec-media. Im Oktober wird sein Wissenschafts-Thriller Xenesis im Rowohlt Verlag erscheinen.
Autor: © Beat Glogger, August 2004
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