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Ein zufriedener Forscher - Interview mit Professor Christophe Lacroix
Christophe Lacroix
War es schon immer Ihr Ziel, eine Forschungsgruppe zu leiten?
Gleich am Anfang eine so schwierige Frage... War es mein Ziel oder meine Bestimmung? Ich denke, meine Aufgabe als Leiter einer Forschungsgruppe ist Teil meines Schicksals. Ich war in Kanada seit 1984 Professor. Während meiner Studienzeit dachte ich noch nicht an eine eigene Forschungsgruppe, ich war aber schon sicher, dass ich in der Forschung und selbständig und kreativ arbeiten wollte.
War für Sie schon immer klar, dass Sie Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften studieren wollten?
Ich studierte in Frankreich, wo der Weg über die bereits spezialisierte Grande École führt. Dadurch fiel die Entscheidung für ein Studium im Bereich Landwirtschaft und Ernährung recht früh. Ich besuchte eine Vorbereitungsklasse in Mathematik, Physik und Biologie für die Grande École und musste mich erst im harten Wettbewerb behaupten, um zur Technischen Hochschule in Frankreich zugelassen zu werden. Da ich mich mehr für Ernährung interessierte, entschied ich mich für die Lebensmittelwissenschaften. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel eine klare Entscheidung.
Mögen Sie bei Ihrer Arbeit bestimmte Aufgaben lieber als andere?
Als Professor kann man nicht nur tun, was man gerne tut. Zu dieser Arbeit gehören einfach ganz verschiedene Aufgaben, einschliesslich Lehre und Forschung (nicht nur die Betreuung, sondern auch weiter gefasste Aspekte), aber auch viele administrative und organisatorische Arbeiten. Schön an meiner Arbeit ist, dass ich mit vielen verschiedenen Leuten und Situationen in Kontakt komme. Die Ausbildung junger Leute ist einerseits sehr anspruchsvoll, gleichzeitig aber auch befriedigend, wenn sie sich in der Forschungsgruppe offensichtlich wohl fühlen. Genauso mag ich eigentlich die praktische Forschungsarbeit im Labor, auch wenn ich dazu eigentlich nur während eines Sabbatical Zeit finde. Während meiner bisherigen Karriere habe ich mir zwei Mal eine solche einjährige Auszeit von meinen Pflichten als Professor gegönnt, und das hat mir sehr gut getan. Ich bin nämlich auch eine praktisch veranlagte Person und mag die Arbeit im Labor. Dabei kann ich neue Ideen für Projekte entwickeln und ich bin bezüglich der praktischen Arbeit im Labor wieder einmal am Puls der Zeit.
Gibt es bei Ihrer Arbeit auch Dinge, die Sie nicht mögen?
Eigentlich nicht. Vielleicht, dass ich nie ein Wochenende ohne freien Kopf oder leere Tasche habe. Das ist besonders für meine Familie manchmal schwierig. Sonst eigentlich nichts.
Welchen Rat würden Sie jungen Leuten geben, die am Anfang ihrer wissenschaftlichen Laufbahn stehen?
Ich mag solche Ratschläge nicht. Sicher sind Auslanderfahrungen sehr nützlich. Alles, was man tut, sollte man aber gerne tun. Ebenfalls wichtig ist es, Erfahrungen in verschiedenen Arbeitssituationen und Arbeitsumfeldern zu sammeln. Neben Fachwissen und wissenschaftlichen Erfahrungen kann ausserdem das Erlernen einer Fremdsprache sehr wertvoll sein.
Womit verbringen Sie Ihre Freizeit?
Ich bin gerne in der Natur, betätige mich gerne sportlich, zum Beispiel mit Biken und Skifahren (in den Bergen). Die Schweiz bietet ideale Voraussetzungen für das Wandern und Biken, da hier alles näher zusammen liegt als in Kanada und gut organisiert ist.
Essen Sie irgendetwas nicht, weil Sie zuviel darüber wissen?
Eigentlich nicht, obwohl ich mir sehr wohl Gedanken zu den Nahrungsmitteln mache, die ich konsumiere. Eine gewisse Vorsicht muss ich natürlich walten lassen, weil ich Diabetiker bin. Ich habe aber keine Gewichtsprobleme oder Allergien und kann das Essen geniessen. Dieses Vorrecht haben leider nicht alle Leute.
Leiden heute mehr Leute unter Lebensmittelallergien oder anderen Ernährungsproblemen?
Ja, heute haben wesentlich mehr Personen Probleme im Zusammenhang mit dem Immunsystem. Dafür sind Umweltfaktoren verantwortlich, die vermutlich das Gleichgewicht des Immunsystems stören. So wächst zum Beispiel die Zahl der Personen mit Heuschnupfen.
Zur Bewältigung dieser Probleme kann versucht werden, jene Faktoren in der Umwelt und in Nahrungsmitteln zu bestimmen, welche die korrekte Reifung des Immunsystems im Verlaufe der frühen Entwicklung auslösen. Heute sind die Nahrungsmittel beispielsweise sehr rein und enthalten nur wenig kontaminierende Bakterien. Das ist möglicherweise verhängnisvoll. Kontakte mit pathogenen Bakterien, die nicht zu einer Erkrankung führen, sind zur Entwicklung der Abwehrmechanismen gegen diese Bakterien zu einem späteren Zeitpunkt nämlich wichtig. Diese Mechanismen haben auch Auswirkungen auf die Entstehung von Krankheiten, die mit einer fehlgeleiteten Immunabwehr zusammenhängen. Heute wird also davon ausgegangen, dass die Ernährung in einer frühen Entwicklungsphase, Umweltfaktoren und insbesondere der Kontakt mit einer Reihe verschiedener Mikroorganismen für die Reifung des Immunsystems eine entscheidende Rolle spielen – und damit letztlich auch für die Entstehung von Krankheiten, die mit dem Immunsystem zusammenhängen. Wir versuchen in unserer Arbeitsgruppe probiotische Bakterien zu produzieren, die gegen bakterielle Infektionen schützen, das Immunsystem stimulieren und seine Reifung verbessern.
Haben Sie in Ihrem Leben weitere grosse Ziele?
Ich möchte meine Forschungstätigkeit in wirkliche Anwendungen umsetzen können, welche die Gesundheit und das Wohlbefinden verbessern. Es ist nicht mein Ziel, irgendwann einen Nobelpreis zu erhalten. Viel wichtiger ist es mir, dass das, was ich tue, in irgendeiner Weise wertvoll für die Menschheit ist.
Für ausführliche Informationen besuchen Sie bitte: http://www.bt.ilw.agrl.ethz.ch/
Interview Dr. Isabel Klusman
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