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Obwohl sich die Systembiologie gerade durch die Interdisziplinarität auszeichnet, entstammen die meisten
experimentellen Methoden der "traditionellen" Biologie. Schlüsseltechnologien wie Genomik und Proteomik wurden
zuerst zur Lösung klassischer biologischer Probleme eingesetzt und erst in jüngster Zeit im Rahmen eines
systembasierten Ansatzes verwendet. Neben diesen häufig genannten Technologien ist die Systembiologie ohne
eine weitere, noch "klassischere" experimentelle Methode nicht denkbar: die Lichtmikroskopie. Die Lichtmikroskopie
ist von grosser Bedeutung, weil sich damit nicht nur Informationen zum aktuellen Zustand des untersuchten Systems
gewinnen lassen, sondern auch zu dynamischen Vorgängen. Bei den meisten anderen experimentellen Methoden muss das
analysierte System (Moleküle, Zellen, Organismus) zur Gewinnung quantitativer Daten "eingefroren" werden, und es
besteht das Risiko, dass das System dadurch verändert wird. Bei den modernen lichtmikroskopischen Methoden ist eine
solche Fixierung nicht erforderlich. Die Probe wird in Echtzeit gefilmt, und die zu Grunde liegenden Abläufe des
gesamten Prozesses können visualisiert werden. Deshalb lässt sich mit der Lichtmikroskopie nicht nur simultan der
Standort einer Anzahl verschiedener Moleküle in einer Zelle dreidimensional darstellen, sondern es können auch
Bewegungen und Interaktionen beobachtet werden.
Neue Anwendungen benötigen neue Techniken
Eine Verwendung der Lichtmikroskopie im Rahmen der Systembiologie bedingt allerdings einen spezifischen Einsatz
dieser Methode. Die herkömmlichen Methoden, bei denen das Ziel in der Schaffung eines möglichst ästhetischen
und informativen Bildes bestand, eigenen sich nicht zur Visualisierung und Quantifizierung eines ganzen
Prozesses in Echtzeit. In der Systembiologie sind zur Beschreibung eines Systems quantitative Informationen
notwendig, und dank der im vergangenen Jahrzehnt erzielten technologischen Fortschritte kann die
Lichtmikroskopie diese Anforderung heute erfüllen. Optimiert wurde die Methode in zwei Bereichen: Erstens durch
die Entdeckung verschiedener fluoreszierender Proteine. Dazu gehören das grün-fluoreszierende Protein
(green fluorescent protein, GFP) und dessen zahlreiche durch verschiedene Mutationen verfügbare Varianten.
Ein bestimmtes GFP kann nun – wie eine Etikette sozusagen – an ein gewisses Protein geheftet werden, wodurch
sich Standort und Bewegung des so markierten Moleküls in einer Zelle verfolgen lassen. Durch die Anwendung
spezieller Messtechniken ist es sogar möglich, quantitative Informationen zu Konzentration, Verteilung und
Bindungseigenschaften von Proteinen und zur Dynamik ihrer Aktivität zu sammeln. Zweitens erlauben es die
jüngsten technischen Fortschritte (Hardware und Software), die Bewegungen einzelner Protein-Moleküle in einer
lebenden Zelle zu lokalisieren. Diese Messungen sind darüber hinaus nicht auf einzelne Zellen beschränkt,
sondern lassen sich bei einer Unterstützung durch leistungsfähige Hochdurchsatz-Technologien wie Robotik und
Mustererkennungsprogramme auch für grosse Zellpopulationen einsetzen. Dadurch werden gross angelegte
Screening-Projekte ermöglicht, zum Beispiel zur Identifikation kleiner Moleküle, die auf bestimmte Abläufe in
der Zelle hemmend wirken und als Wirkstoffe für Medikamente in Frage kommen.
Künftige Herausforderungen
Trotz der in den letzten Jahren erzielten bemerkenswerten Fortschritte in der Lichtmikroskopie (Entwicklung
der Multiphotonenmikroskopie zur Darstellung der Tiefendimension bei lebendem Gewebe) bleiben auf dem Weg hin
zur Analyse ganzer biologischer Systeme noch zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen. Gegenwärtig haben eine
Reihe von Forschungsprojekten zum Ziel, die Auflösung optischer Systeme zu erhöhen (dem im Vergleich zur
Elektronenmikroskopie limitierenden Faktor), und es wird mit Nachdruck an der Entwicklung neuer
Bildverarbeitungsverfahren gearbeitet, mit denen sich gleichzeitig die Bewegungen tausender Objekte
(Moleküle, Zellen) eines Systems dreidimensional verfolgen lassen. Zusätzlich werden neue Werkzeuge der
Informationstechnologie erforderlich sein, um diese enormen Datenmengen zu bewältigen und die biologisch
relevanten Informationen herauszufiltern.
Eine weitere technische Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Errungenschaften der modernen Lichtmikroskopie
der biologischen Forschung im Sinne einer erschwinglichen Grundausrüstung zugänglich zu machen. Nur eine solche Ausrüstung
eignet sich als Schnittstelle der verschiedenen Disziplinen und als Auswertungsmethode der Wahl für experimentelle
Anordnungen der Systembiologie.
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